Grenze

Landesgrenzen gilt es so einige zu überschreiten auf unserer Reise. Doch da sind noch andere Grenzen, die, nach denen wir immer wieder gefragt werden: "und, wo seid ihr an eure Grenzen GEKOMMEN?"

Nach unserer velofreien Zeit ist die Freude gross, endlich wieder bei unseren Velos in Now Shahr am Kaspischen Meer zu sein. Auch wenn wir erst wieder unseren Rhythmus finden müssen, die Beine schneller müde werden und sogar das Hinterteil wieder etwas schmerzt nach den ersten Tagen zurück im Sattel - Velofahren ist einfach schön!

Doch dann ändert die Stimmung... Bereits morgens um halb 6 sind wir nassgeschwitzt, die langen Hosen, das Kopftuch, alles klebt am Körper. Bei der Mittagspause am Meer erfrischt sich Christian bei einem Bad, ich halte immerhin die Füße ins Wasser. Am Abend fahren wir nochmals ein Stück und finden ein gutes Plätzchen für unser Zelt, geniessen den Sonnenuntergang direkt über dem Meer und hoffen auf etwas Abkühlung mit der Dunkelheit.  Leider ist dies kaum der Fall, wir steigen bei 30 Grad ins Zelt und auch am nächsten Morgen zeigt das Thermometer kaum ein Grad weniger an. Die nassgeschwitzten Kleider vom Vortag sind in der Nacht noch feuchter geworden und es ist kein Spass, diese wieder anzuziehen! Müde und wenig erholt fahren wir los, aber bereits nach 12 Kilometer ist Schluß. Das Hotel mit Klimaanlage und Dusche zu verlockend,  die Müdigkeit zu gross. So checken wir bereits frühmorgens ein und machen einfach gar nichts mehr an diesem Tag. Doch wie solls weitergehen? Morgen wird es nicht weniger heiss, und solange wir entlang dem Meer fahren wird auch die Luftfeuchtigkeit nicht abnehmen. Bin ich nun an "der Grenze" angelangt, die ich nicht überschreiten möchte? Soll ich In den Bus nach Mashhad steigen und mich dort in klimatisierten Räumen herumtreiben? Lasse ich Christian alleine in dem Nationalpark Wildschweine jagen, Wasserfälle suchen, im Wald zelten & Hirsche erspähen?


Das wäre dann sozusagen aufgeben, was eigentlich nicht so meine Art ist. Wobei, für 400 Kilometer in den Bus steigen, ist das denn soo schlimm? Engel & Bengel schwirren nur so über meinem Kopf und ich bin froh, mit Christian verschiedene Möglichkeiten durchdenken zu können. Wir entscheiden, dass wir gemeinsam weiterfahren und planen eine "light Tour" bis Mashhad. Das heisst täglich nur morgens fahren, mittags ins Hotel und warten bis die Hitze nachlässt.

Nicht die steilen Aufstiege, kräftezehrende Fahrten im Wind oder gefährlicher Stadtverkehr haben mich also an meine Grenzen gebracht. Es war die Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit und ja, auch die Kleidervorschriften dieses Landes, die mich nach 5 Monaten fast zum Aufgeben brachten - aber nur fast!

In den freien Nachmittagen und Abenden haben wir uns umso mehr ob der großartigen Gastfreundschaft der Iranis erfreut. Wir waren in der besten Eisdiele in Sari und assen uns durchs Sortiment! Es gab Rosensofteis im Rüeblisaft, Melonensaft und Melonen-Pistache-Rosensofteis. Wir gaben unsere Postkarten auf der Post ab und halfen den Pöstlern beim Aufkleben der Briefmarken (wohl zum ersten Mal kamen Touristen mit Ansichtskarten bei Ihnen vorbei). Sogar zum Abendgebet in der Moschee wurden wir geleitet. Zum 1. August leisteten wir uns ein schönes Hotel um den Tag mit einem Buure-Brunch zu feiern, denn dank meinem Onkel hatten wir Bündnerfleisch, Schoggi & Appenzeller Biberli im Gepäck, und die Bauern der Region offerierten frische Früchte und Gemüse. In Gonebad-e Kavus baten wir einen Taxifahrer um eine Touristentour, obwohl dieser keine Sehenswürdigkeiten kannte (die Tour war ein Erfolg!). 

Nachdem wir das Kaspische Meer hinter uns gelassen haben ist es zwar immer noch sehr heiss, doch die Luft ist trocken und somit für uns wieder viel erträglicher zum Fahren. Nachdem wir uns in Gonebad-e Kavus mit Konserven & viel Wasser eingedeckt haben geht es endlich Richtung Golestan Nationalpark weiter. Es dauert nur wenige Stunden und wir sind mitten im Wald, umgeben von Wildschweinen und Iranis beim Picknick. So viele schöne Stellen zum Pause machen und Zelten gibt es zu finden! So gar nicht schön finden wir jedoch die Tatsache, dass überall Unmengen an Abfall achtlos liegengelassen werden. Abfalleimer werden konsequent ignoriert, um die Folgen für die vielen Tiere im Wald scheint sich keiner zu kümmern. Hier gilt es also für einmal einen Minuspunkt für das Land Iran zu vergeben!


Doch zurück zur Landschaft; wo die Überquerung des Alborz Gebirges im Westen noch ein richtiger Kraftakt war scheinen die Höhenmeter hier im Osten nur so an uns vorbeizuziehen. Ob es das wirklich schon war? Wir genießen die frische Luft in über 1000 m ü.M und schlagen unser Zelt zwischen Wildschweinen oder in Obstanlagen auf. Bevor wir in Bojnurd wiedermal unter die Dusche können gilt es dann doch nochmal einige Höhenmeter zu überwinden. Komisch, vor einigen Tagen sprach ich von "Krise" oder "ich nehme den Bus!" und jetzt? Ich Strample in der Mittagshitze den Berg hinauf und finde es einfach super, auf dem Velo zu sein! Motivation & Freude sind definitiv zurückgekehrt!

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