Pamir

Dushanbe - Khorog 

In Dushanbe treffen wir mit Rahel und Benjamin ein schweizer Paar, welches seit einigen Jahren in Tajikistan lebt. Wir erhalten wertvolle Tipps und durch Erzählungen von ihren Pamirerlebnissen wird die Routenwahl für uns noch schwieriger. Da die Südroute aktuell in einem besseren Strassenzustand ist wird auch der Schwerverkehr dort durchgeleitet, so entscheiden wir uns für die ruhigere und wohl auch holprigere Strecke im Norden. Wir planen knapp zehn Tagesetappen bis Khorog, dies entspricht etwa 50 Km pro Tag. Bis anhin haben wir spätestens nach fünf Velotagen eine Pause eingelegt und sind gespannt, wie wir das Leben in der Natur meistern werden :-).

Jeden Abend finden wir schöne Plätzchen für unser Zelt und waschen uns oft im kalten Bergbach. Wir waschen unsere Wäsche, welche bei der tiefen Luftfeuchtigkeit über Nacht trocknet, im Fluss und sind glücklich mit den spätsommerlich warmen Temperaturen. So lassen wir uns morgens vom Sonnenschein wecken und kriechen abends unter einem schier unendlichen Sternenhimmel in unsere Schlafsäcke. Das Leben im Freien klappt somit wunderbar und wir finden immer mehr Gefallen daran!



Haben wir bis anhin bei der Routenplanung die ganz hohen Pässe ausgelassen gibt es bei der Anfahrt zum Pamir-Highway keine "light" Version. So steht mit dem Sagirdast Pass auf 3252 m ü. M. der höchste Punkt unserer bisherigen Reise an. Wir meistern den Aufstieg auf der Schotterpiste ohne Probleme und entdecken nach dem obligaten Gipfelfoto weitere Velofahrer im windgeschützten Unterstand. Um uns herum ist eine internationale Gruppe von Minenräumern im Einsatz. In den folgenden Tagen treffen wir immer wieder auf Gebiete, welche noch Landminen verbergen und stellen unser Zelt sicherheitshalber in der Nähe von Dörfchen auf. Während die anderen Reisenden noch mit der Zubereitung ihres Mittagessens beschäftigt sind und es um uns knallt von den Sprengungen mampfen wir ein paar Schoggiguezli und machen uns dann bereit für die Abfahrt. Auf dieser Höhe ist von sommerlichen Temperaturen nämlich nicht mehr viel zu spüren und wir packen Mütze, Windjacke und die langen Hosen aus... Im Tal angekommen stellen wir unser Zelt wieder nahe ans Wasser und auch ein erfrischendes Bad im Fluss darf nicht fehlen, hier unten können wir uns wieder an den lauen Temperaturen erfreuen. Die Strecke führt uns bald ganz nah an die Grenze zu Afghanistan. Bis Khorog folgen wir dem Fluss Panj welcher als natürliche Landesgrenze von Tajikistan und Afghanistan definiert wurde. Am anderen Ufer beobachten wir Kinder beim Spielen und Arbeiter beim Strassenbau. Wobei "Straße " wohl zu viel gesagt ist, denn sie schlagen in wohl mühselige Aber einen Weg in die steile Felswand.

Nach zehn Tagen erreichen wir glücklich das Guesthouse in Khorog. Nicht nur unsere müden Muskeln freuen sich auf Ruhe, v.a. unser Magen-Darm System braucht dringend Erholung. Erst wenn die Speicher wieder gefüllt sind fahren wir weiter. Denn bis hierher war es nur die Anfahrt - der "wahre" Pamir beginnt erst!

Wakhan Valley 

Erholt und gestärkt machen wir uns auf den Weg ins Wakhan Valley, eine von den verschiedenen Routen durch das Pamir Gebirge. Im fruchtbaren Tal wird Landwirtschaft betrieben, wie wir es kaum noch kennen. Es kommen Ochsen und Esel zum Einsatz und von den Bauern selbst wird viel Handarbeit geleistet. Traktoren sehen wir kaum, wohl auch weil die Nutzfläche zwischen dem Fluss und den steil abfallenden Felsen sehr klein ausfällt. Als Schweizer werden wir meist herzlich willkommen geheissen. Ob es daran liegt, dass die schweizer Entwicklungshilfe viele Projekte in der Region unterstützt? Oder liegt es daran, dass das geistliche Oberhaupt der Ismailiten Aga Khan schweizer Wurzeln hat? Der Ismailismus ist nämlich die meist verbreitete Religion im Pamir, als eine Abspaltung des Islam ist für uns vor allem ein Aspekt auffallend: in dem ganzen Gebiet gibt es kaum Moscheen und nach Monaten in islamischen Ländern hören wir somit keine Muezzinrufe mehr. Der Schulbildung wird ein hoher Stellenwert beigemessen und wir treffen auf sehr viele Kinder in Schuluniform. In kleinen Dörflädeli kommt es nicht selten vor dass wir auf englisch oder sogar deutsch bedient werden. Überhaupt befinden wir uns hier nicht einfach in Tajikistan, sondern in der autonomen Provinz Gorno-Badakhshan (GBAO). Eine spezielle Bewilligung um diese Region zu bereisen haben wir in Duschanbe bekommen und fast täglich zeigen wir diese den freundlichen Herren an den Kontrollposten. 

Dank Steuergeldern von Herr und Frau Schweizer fließt hier sauberes Wasser


Bei Langar verlassen wir den Fluss Panj welcher nun zum Pamir wird und begeben uns langsam in Lagen über 3000 m ü. M. Da wir in der Tat sehr langsam vorankommen haben unsere Körper genügend Zeit sich an die Höhe zu gewöhnen und wir sind glücklich, dass wir von den Symptomen der Höhenkrankheit verschont bleiben. Der Aufstieg zum Karagush Pass ist ein speziell schönes Erlebnis. Einsam ziehen wir unsere Spuren auf der guten Schotterpiste, bei strahlend blauem Himmel treten wir immer höher und kommen so zum ersten Mal über 4000 m ü. M.! Einzigartig wird das Erlebnis auch dadurch, dass wir hinter uns eine Herde der mittlerweile sehr seltenen Marco Polo Schafe entdecken! In rasantem Tempo überqueren die Tiere die Strasse, weiter über die grüne Wiese bevor sie dann in den grau-braunen Felsen perfekt getarnt aus unserem Blickfeld verschwinden.

Der Weg führt uns vorbei an klaren Bergseen und wir schlagen unser Zelt knapp unter der 4000er Marke bei dem Salzsee Chokur auf. Dort gibt es die vielfältige Vogelwelt dieser Bergregion zu beobachten. Über uns fliegt sogar ein Schwarm Pamir Gänse vorbei! Geier ziehen ihre Kreise am wolkenlosen Himmel, am Vortag sahen wir ein zweihöckriges Kamel beim grasen entlang des Flusses, heute Marco Polo Schafe und Pamir Gänse - die Tierwelt im Pamir zeigt sich uns von seiner allerbesten Seite!

Bereits kurze Zeit später haben wir wieder Asphalt unter unseren Reifen. Für einen Abstecher zum Bulunkul und Yashilkul See verlassen wir diesen nur zu gerne wieder. Wir werden mit Joghurt & Butterbrot bewirtet und schlagen unser Zelt hoch über dem See und unter dem funkelnden Sternenhimmel auf. Wunderschöne Tage einsamen Velofahrens inmitten fast unberührter Natur liegen hinter uns. Laut Berichten der uns entgegengekommenen Velofahrer wohl auch die anstrengensten, soll mit dem Asphalt auch starker Rückenwind auf uns warten...

Murghab - Sary Tasch

Im Hotel in Murghab gibt es nach langer Zeit eine warme Dusche und kulinarisch eine willkommene Abwechslung. Gestärkt und erholt ist bei der Weiterfahrt von dem allseits gelobten Rückenwind leider nichts zu spüren... Schlimmer noch, eisig-kalter Gegenwind peitscht uns bei knapp 5 Grad ins Gesicht und die Temperatur sinkt mit jedem Meter, den wir weiter in die Höhe pedalen. Auf kalte Tage im Wind folgen kältere Nächte im Zelt, zum Glück finden wir einigermaßen windgeschützte Schlafplätzchen. Für den Ak Baital Pass auf 4655 m ü.M. haben wir noch wenig Energie und ganz viel Motivation übrig - soll dies doch der höchste Punkt auf unserer Reise werden welchen wir aus eigener Kraft erreichen.

Auf der anderen Seite des Passes entdecken wir eine Yak Herde, doch meine Finger waren klamm vor Kälte so dass ich nicht einmal ein Foto mache... Und wir hoffen sehr, dass dies nicht die letzten Yaks waren denn mit dem herannahenden Winter ziehen auch die Tiere in tiefere Lagen. Doch vor uns liegen noch einige Kilometer in der Kälte. Als wir am letzten Tag vor lauter Gegenwind und Holperpiste mehr laufend als fahrend vorankommen steigen wir schließlich etwas zögernd (ja, der Stolz...) in das warme Auto eines freundlichen Kirgisen. All unsere 7 Sachen und unsere beiden Velos sind verstaut und wir holpern langsam dem nächsten Land entgegen. In Sary Tash finden wir ein Gasthaus in welchem wir freundlich begrüßt und bewirtet werden. Also bleiben wir hier bis a) der Dorfladen keine Snickers mehr hat, b) unsere Finger und Füsse wohlig warm sind und c) der Pamir-Staub von den Velos geputzt ist :-).

Heaven vs. Hell


Das befahren des Pamir-Highway ist für die meisten Tourenfahrer DAS Highlight, und auch wir haben uns lange darauf gefreut, sind gut ausgerüstet und mit viel Respekt in dieses Abenteuer gestartet. Wo es vor und nach Zentralasien unzählige Wege von West nach Ost gibt konzentriert sich die "Szene" im Pamir eindeutig, und wir waren dankbar für die Tipps von entgegen kommenden Reisenden und detaillierten Blogeinträgen. "So, you'll go throuh hell the next few days?" - Ja, es wurde anstrengend... Doch mit unserem Motto "Das glauben wir erst, wenn wir es selber erleben" war alles relativ. Nach Langar wurde es steil, sandig und wir kamen uns öfter vor wie auf einer schönen Wanderung als auf einer Velotour. Nur war da halt noch das 50-60 Kg schwere Velo, welches den Berg hinaugeschoben werden wollte...

Damit für alle nach uns das Erlebnis Pamir zu "Heaven" und nicht "Hell" wird, raten wir folgendes zu bedenken:

  • Genug Zeit einplanen! Es gilt viele Höhenmeter zu überwinden und dies auf meist über 3000 m ü. M. (40-50 Km / Tag), so bleibt auch genügend Zeit für einen Abstecher zu Hot Springs, alten Festungen, Geysiren...
  • Bei mangelnden Sprachkenntnissen empfehlen wir die genaue Planung der Route, einige der Sehenswürdigkeiten sind ohne exakte Koordinaten kaum zu finden...
  • Breite Pneus sind aufgrund des fehlenden Asphaltes nur zu empfehlen ("I saw many who gave up because the road is so bad " - das waren wohl die mit den Rennrädern aus Karbon, inkl. Triathlon-Lenker...???)
  • Bedenke: über 3000 m ü. M. wirds kalt (Blue Kazoo, unser Schlafsack wird zu unserem besten Freund und hält uns auch bei -10 Grad warm!)
  • Höhere Gewalt: Der Wind bläst so stark und von wo er grad will, alles Fluchen hilft nicht (aber versuchen kann man's)

Trotz aller Anstrengung und manchen Flüchen 'gen Petrus - wir behalten unser Pamir Abenteuer definitiv als "Heaven" in unseren Herzen!

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Kommentare: 1
  • #1

    Mirjam (Montag, 12 Oktober 2015 08:49)

    Hey ihr lieben,
    schö wieder vo eu z ghöre und dass es eu guet geht!! die Bilder sind jo unglaublich schön, Wahnsinn was ihr erlebed.
    bis gli, knuddl