Die Zielgerade


Wir werden von unseren neuen Freunden zum Essen ausgeführt und erleben nochmals viel multi-kulti in Malaysia. Wir sind so glücklich, in diesem Land zu reisen dass uns nicht einmal der starke Regen die Laune verderben kann.

Die Mühen der anstrengenden Etappen der letzten Tage geraten mit jeder Stunde, die wir in den Cameron Highlands verbringen, weiter in den Hintergrund. Um noch einmal einen gemeinsamen Abend mit uns zu verbringen kommen die lieb gewonnenen Gastgeber der Moonriver Lodge zu Besuch nach Tanah Rata. Wir fahren gemeinsam zu einer Teeplantage um dort das satte Grün im Licht der untergehenden Sonne zu bestaunen und letzte Erinnerungsfotos zu knipsen. Zum Abendessen entscheiden wir uns für die lokale Spezialität Steamboat (typisches Gericht in Malaysia, ähnlich unserem Fondue Chinoise). An diesem Abend sind wir (Christen) mit der Muslimin Nor, dem Buddhisten David und dem Nepalesen Vasantha, dessen Religion uns unbekannt ist, unterwegs. Noch immer sind wir fasziniert von der Tatsache, dass überall wo wir hinkommen verschiedene Ethnien und Religionen friedlich nebeneinander Ihrem Alltag nachgehen und bedanken uns herzlich für die Gespräche über Allah, Gott und die Welt.

Nach der Belohnung für Magen und Augen folgte am nächsten Morgen die schönste Belohnung für Velofahrer: die Abfahrt! In Malaysia macht uns sogar das Velofahren im Regen Spass, denn das Spritzwasser der entgegenkommenden Autos oder der grossen Pfützen ist so warm wie Badewasser und so fahren wir mit Absicht durchs Wasser statt einen Bogen drumrum zu machen. Wir winken den Orang Asli Kindern zu, welche ihre Köpfe aus den Bambushütten strecken und freuen uns, nach so viel Hitze und Trockenheit, über die reissenden Bäche und tosenden Wasserfälle.

Unten angekommen rollen wir auf den flachen Strassen gegen Süden und erreichen bald Vororte der Hauptstadt Malaysias, Kuala Lumpur. Wir fahren nicht in die Stadt hinein und kommen dennoch an einem Wahrzeichen vorbei, nämlich an der Formel 1 Rennstrecke von Kuala Lumpur! An diesem Wochenende findet ein Motorradrennen statt und wir können von den Velos aus einen Blick auf das Sportgelände werfen. Beflügelt vom Geschwindigkeitsrausch fahren wir weiter und erreichen am nächsten Mittag die berühmte Hafenstadt Melaka. Diese Stadt teilt dank des historischen Kerns den Titel des Unesco Weltkulturerbe mit Georgetown, etwas weiter im Norden des Landes. Noch einmal tauchen wir also ab in die Geschichte der Kolonialzeit, der Händler und Schiffreisenden vergangener Zeiten.


"Und, wie ist es so, kurz vor dem Ziel?"

Keine 200 Kilometer trennen uns von Singapur. Von der 20. und letzten Grenzüberquerung. Von unserer letzen Etappe im Sattel als "Fahraway"-Gespann. Vor unserem letzen Häckchen auf unseren schönen T-Shirts. Wir sind auf der Zielgeraden unserer Reise und zu beschreiben, was wir denken und fühlen, fällt mir sehr schwer. So schnell ist die Zeit vergangen und gleichzeitig kommt es uns so vor, als ob die Abfahrt in der Schweiz bereits ewig zurückliegen würde. Wir erinnern uns an heisse Stunden in der Wüste und saukaltes Schneegestöber, an Gegenwind und Rückenwind, an unser Chinadesaster und die unverhofft schöne Zeit in Kirgistan. Die ganze Reise läuft als Film in unseren Köpfen rauf und runter und wir werden dabei mal euphorisch und mal traurig, mal stolz und mal sehr müde. Wir haben so viel erlebt, und doch zu wenig gesehen. Wir freuen uns so sehr auf zu Hause und würden am liebsten wieder zurück in den Pamir, nach Istanbul, auf die Surin Insel oder doch in die Kasachische Steppe?

Mein Versuch zu beschreiben, wie wir uns fühlen so kurz vor Singapur, tönt wirr. Ein ebensolches Durcheinander geht in unseren Köpfen vor und das ist wohl einfach die beste Antwort, die ich liefern kann.

Also bin ich nun still und wir biegen ein, auf die Zielgerade unseres "Fahraway"  Traums.

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